Fundament Bibel - ein Wort zur Bibel in gerechter Sprache

von Till Sauer

Jede Übersetzung der Bibel aus ihren Ursprachen, ob nun Luther oder die neuerschienene „Bibel in gerechter Sprache“, ist zugleich eine Interpretation; das macht auch hier der Abstand der Zeiten, der Kulturen, die Andersartigkeit der Sprachen, die Mehrdeutigkeit von Wörtern usw. Es gibt keine Ein-für-alle-Mal-Übersetzung, die den Sinn des vor drei– oder zweitausend Jahren Aufgeschriebenen und Gemeinten autoritativ feststellen könnte; das gilt auch für die Luther-Bibel, die gleichwohl unsere Gottesdienst-Bibel bleibt.
Schlechte Karten also für Leute, die es gerne klar und einfach hätten, die die Bibel als ein Rezeptbuch sehen möchten, das, buchstäblich verstanden, die richtige Orientierung für ihr Leben in unserer Welt gibt.
Leute, die sich so auf die Buchstaben der Bibel verlassen, schimpfen wir wohlaufgeklärten Christen als fundamentalistisch. An unserer Kritik ist so viel berechtigt: Diese aus Amerika zu uns herüberschwappende Frömmigkeit ist mehr oder weniger von dem platten Wirklichkeitsverständnis geprägt, das im 19. und 20. Jahrhundert in der westlichen Welt herrschte. Was wirklich ist, muss sich anfassen und beweisen lassen. Da verkommt die Bibel leicht zum naturwissenschaftlichen Lehrbuch und zum Geschichtsbuch, das immer recht hat, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Es ist fast überflüssig zu betonen, das dieses Wirklichkeitsverständnis weder der Bibel noch unserem gegenwärtigen Denken angemessen ist. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Die schriftlichen Zeugnisse der Bibel wollen nicht so sehr Natur, Geschichte und Leben beschreiben, sondern aus dem Glauben an Gott heraus verstehen: „ ... denn alles, was mein Glaube sieht, spricht seine Sprache, singt sein Lied“. Wobei uns ja gerade auch die neue Übersetzung zeigt, wie viele unterschiedliche Gottesbilder und damit auch Sichtweisen unseres Lebens und unserer Welt sich in der Bibel finden.
Die „Fundis“ sehen im Buchstaben der Bibel ihr Glaubensfundament. Wir haben gelernt, deren Buchstaben, Wörter und Texte methodisch und wissenschaftlich zu hinterfragen. Die Auslegungswissenschaften haben, das ist unbestreitbar, viel zu einem tieferen Verständnis der Bibel beigetragen, sie ersetzen aber nicht einen lebendigen Glauben. Wir alle haben oft genug Predigten gehört, in denen wir zwar mehr oder weniger gut informiert, dennoch aber allein gelassen wurden. Der Kopf macht‘s nicht, sondern der ganze Kerl, der den Kopf trägt!
Jenseits von Buchstabenklauberei und Wissenschaftsgläubigkeit hilft mir nur der Heilige Geist, in der Bibel das Fundament meines Glaubens zu finden, in Zustimmung und Widerspruch, in der Unterscheidung der Geister, in der Hoffnung, dass er, dieser Geist Gottes, die Trägheit meines Herzens überwindet und mich an Hand der Bibel die Sprache lehrt, die meine Sicht auf Leben und Welt für immer verwandelt.
Martin Niemöller hat uns eine sehr einfache Frage hinterlassen, die uns sowohl beim Lesen der Bibel als auch bei der Ausrichtung unseres Lebens auf Gott hin hilft. Diese Frage lautet: Was würde Jesus dazu sagen?


Predigt und Einführung zum Gottesdienst am 25. Februar von Frau Dr. Elisabeth Raiser finden Sie auf der Seite Predigten.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema auf der Seite der EKD. Bibel in gerechter Sprache.


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