Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen.
Der Monatsspruch für Februar, 5. Mose 15,11.
Die Armut im Land beseitigen? Vergiss es! Eine merkwürdige Haltung, die die Bibel hier einnimmt.
Dabei versuchen wir es immer wieder, z.B. mit Programmen gegen soziale Verelendung, Not und Hunger. Die helfen nicht allen, aber deshalb resignieren und sagen, die Armut bleibt?
Damals, als der Schreiber des Deuteronomiums (5. Mose) diese Mahnung aufschrieb, gab es auch genügend soziale Schwierigkeiten, Flüchtlinge, Waisen und Witwen, Menschen, die krank oder behindert waren. Für sie gab es eine Art Hilfsfond der Gemeinden, der ebenfalls nicht reichte. Aber es gab das Bemühen, die Armut zu beseitigen. Eine besondere Aufforderung wäre da nicht nötig gewesen, das Mitleid hätte ausgereicht.
Aber dann gab es wie bei uns auch die, die es dem Mitgefühl sehr schwer machten: Die Lebensuntüchtigen, die nicht mit den Regeln dieser Welt zurechtkamen, die Versager, die einen Bauernhof zugrunde richteten oder die von irgendwoher kamen, ohne sichtbaren Grund, und die Hand aufhielten. Auch die gab es damals und es wird sie immer geben, auch wenn wir alle Gründe für Armut beseitigen.
Ich rede von denen, die die Schule nicht schaffen, obwohl sie es könnten. Die keinen Beruf ergreifen. Die morgens nicht aus dem Bett kommen. Die Antriebsarmen, die Sätze sagen wie: Wozu arbeiten, ich kriege ohnehin nicht mehr als Hartz 4 und die im Gegensatz zu vielen anderen, die unseres Mitgefühls sicher sind, auch nicht sonderlich unter ihrer Lage leiden, auch wenn sie arm sind. Die kann man unterstützen, die kann man zu erziehen versuchen. Es wird sie immer geben. Die mag keiner. Und denen hilft man nur widerstrebend.
Warum weist uns Gott so besonders auf sie hin, die es immer geben wird?
Weil er genauer hinsieht als wir. Weil er sich weigert Menschen abzuschreiben und sie als Einzelne sieht, als Wunderwerk seiner Schöpfung, das wir nicht recht zu würdigen wissen. Dieses Wunderwerk kann hier nicht entsprechend seiner Möglichkeiten leben, nicht nach unseren Regeln.
Sowas gibt es und wird es immer geben. Sowas kann auch uns passieren, eine plötzliche Unfähigkeit, mit dem Leben zurechtzukommen, aus welchem Grund auch immer. Und da helfen keine Sätze wie „Eine billige Ausrede für Faulheit.“ Oder: „Ich will ja auch nicht immer, aber ich muss ja...“ Und: „Mit ein bisschen gutem Willen...“
Hört Gott immer wieder von uns, aber kann er nicht leiden. Seid froh, sagt er, wenn ihr mit beiden Beinen im Leben steht. Seid froh, dass ihr mit den Regeln dieses Landes, eurer Schulen, eurer Betriebe zurechtkommt. Müsstet ihr nach den Regeln dieser Menschen leben, wärt ihr auf deren Milde angewiesen. Also tue deine Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen. Ohne Wenn und Aber sein überleben sichern. Und das deiner Schwester selbstverständlich auch.
Ihre Pfarrerin Susanne Dannenmann